Seit zehn Jahren verkörpert er beim WeekendKrimi den Polizisten Reto Brüehschwyler, der bei einer Schiesserei am Autogrill Pratteln seine Muttersprache verloren hat und seither nur noch Englisch parliert. Doch warum eigentlich Englisch? Wer steckt hinter dieser Figur? Wer ist Schauspieler Christian Arroyo überhaupt, der unter der Woche auch im Büro von krimi.ch sitzt und ganz nebenbei noch mit mir, Peter Denlo, verheiratet ist?
Christians Geschichte begann nicht in der Schweiz. «Ich wurde in San Juan, auf der Karibikinsel Puerto Rico, geboren, bin dann aber später in Texas aufgewachsen», erzählt er. Spanisch ist also seine Muttersprache, Englisch kam jedoch schon früh dazu. «Puerto Rico ist ein US-amerikanisches Überseegebiet, also lernte ich Englisch schon im Kindergarten.» Diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit unterschiedlichen Kulturen begleitet ihn bis heute.
«Wir Kinder auf Puerto Rico verbrachten viel Zeit am Meer, was für mich jedoch nicht nur angenehm war», erinnert er sich. «Ich hatte oft so starken Sonnenbrand, dass ich tagelang drinnen bleiben musste, wo ich dann durch die Filmzeitschriften meiner Tante blätterte. Ich begann mich zu fragen, wer diese Menschen eigentlich sind. Und als ich hörte, dass sie Schauspieler sind und verschiedene Rollen spielen können, dachte ich sofort, dass ich das auch machen möchte.» Sein Wunsch, Schauspieler zu werden, entstand also schon früh.
Mit 17 stand Christian zum ersten Mal in Don Juan Tenorio auf einer professionellen Bühne in Dallas. Es war nur eine kleine Rolle, doch sie hatte grosse Wirkung auf ihn: «Ich arbeitete mit professionellen Schauspielern, was mich sehr einschüchterte. Aber ich sog alles wie ein Schwamm auf und versuchte, von den erfahrenen Kollegen so viel zu lernen, wie nur möglich.» Gleichzeitig begann er, sich auch für die Abläufe hinter der Bühne zu interessieren. Später arbeitete er beim Dallas Children’s Theater, dem zweitgrössten Kindertheater der USA, im Bereich Marketing und PR. «Dort lernte ich, wie Theater organisiert und verkauft wird und dass viel mehr dahintersteckt, als was die Zuschauer im Theatersaal zu sehen bekommen.»
Der nächste Schritt führte ihn 1998 nach Los Angeles. «Ich hatte das Gefühl, dass ich in Dallas alles ausgeschöpft hatte und etwas Neues brauchte», erklärt er. In Los Angeles lernte er vor allem, sich durchzusetzen. «Du kannst nicht warten, bis jemand anklopft. Manchmal musst du die Tür selbst aufbrechen.» Christian wurde zum Kämpfer und zum Akrobaten, der sich durch ein hartes Leben ohne Netz und doppelten Boden jonglierte: «In diesem sehr schwierigen Business hiess es friss oder stirb, und gleichzeitig schien der Erfolg immer gleich um die nächste Hausecke auf dich zu warten.» Christian wandte sich vermehrt wieder der Arbeit hinter den Kulissen zu. Er war Präsident der ältesten Theatergruppe von Los Angeles und arbeitete mehrere Jahre bei der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA. Dort bekam er Einblick in Verträge, Strukturen und die wirtschaftliche Seite der Branche. Dieses Wissen nutzt er bis heute.
In Los Angeles lernte er im Jahr 2000 dann auch Schauspielschüler Peter Denlo kennen. Die Begegnung war ungewöhnlich: «Wir lernten uns auf dem Friedhof am Grab von Marilyn Monroe kennen, wo ich ihn nach einer Zigarette fragte», verrät er. Einige Tage später trafen sie sich wieder und gingen etwas trinken. «Ich kaufte ihm von einer Blumenverkäuferin, die in die Bar kam, eine rote Rose. Das habe ich vorher und nachher nie mehr gemacht», lacht er und fügt an: «Anscheinend hat’s gewirkt, schliesslich ist das 26 Jahre her und wir sind immer noch zusammen!»
2012 zog er dann zu Peter in die Schweiz. Der Schritt war gross, aber für ihn richtig. «Ich wusste, dass ich meinem Herzen folgen muss, auch wenn das bedeutet, alles hinter mir zu lassen.» Er kündigte seinen Job, verkaufte seinen Besitz und begann neu. «Wenn du keine Risiken eingehst, wirst du das Leben nicht wirklich erleben.» Christian wird philosophisch: «Du hast nur dieses eine Leben. Und du hast keine Zeit, etwas zu bereuen. Also sei mutig und kremple dein Leben auch mal um, wenn es dein Herz von dir verlangt. In die Schweiz zu ziehen, war die beste Entscheidung meines Lebens.»
Hier fand er sich schneller zurecht, als man vielleicht erwarten würde. «Ich bin pünktlich, organisiert und respektvoll. Das passt gut hierher.» Gleichzeitig gibt es Dinge, an die er sich bis heute nicht ganz gewöhnt hat. «Wenn ich zu einer Einladung komme und meine Schuhe ausziehen soll, finde ich das sehr seltsam und schwierig», sagt er und lacht, «zu diesem Thema gibt es sogar eine Episode von Sex and the City.»
Dass seine Schauspielkarriere durch die Sprache zunächst eingeschränkt war, empfand er nicht als Niederlage. «Ich sehe mich nicht nur als Schauspieler. Ich bin ein Theatermensch.» Für ihn gehört alles dazu, was eine Produktion ausmacht. «Ich kenne viele Schauspieler, die sich nur als das sehen. Schade, denn Theater ist so viel mehr als nur auf der Bühne zu stehen. Ein Schauspieler, der versteht, wie entscheidend das Team hinter der Bühne ist oder wie wichtig das Front Office ist und was echte Teamarbeit bedeutet, wird zu einem besseren Schauspieler.»
Diese Haltung prägt auch seine Arbeit bei krimi.ch. Unter der Woche sitzt er im Büro und kümmert sich um Verkauf, Marketing und Kundenkontakt. «Theater heisst auch, E-Mails zu beantworten und Rechnungen zu schreiben», erklärt er. «Und zusätzlich bin ich dafür verantwortlich, dass die DinnerKrimi-Locations pünktlich ihre Gästelisten bekommen und dass alles für den nächsten WeekendKrimi gepackt ist.»
Die Zusammenarbeit mit Peter ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Sie arbeiten eng zusammen, stimmen sich ab und entwickeln Ideen gemeinsam weiter. Die Grenze zwischen Beruf und Privatleben ist fliessend, funktioniert aber, weil beide das gleiche Ziel verfolgen.
An den Wochenenden steht Christian dann wieder beim WeekendKrimi auf der Bühne. Seine bekannteste Rolle ist der Polizist Reto Brüehschwyler, der immer wieder mit Mord und Totschlag konfrontiert wird, die Fälle jedoch nicht selbst lösen kann. Aber Christian übernimmt auch weitere Figuren. Im Gedächtnis bleiben der alte Kubaner Ramon Ramirez und seine Tochter Martika oder sein kurzer Auftritt als Thailänder Brahmipol, der bei Tatort Jungfrau die Moderatorin Lilo Wanders mit einem Helikopter entführte.
Auf die Frage nach seinem Lieblings-WeekendKrimi antwortet er ohne Zögern, dass alle Produktionen ihren Reiz hatten. «Aber jeder Fall ist eigentlich besser als der vorherige, weil wir uns immer wieder etwas Neues ausdenken, um diese Wochenenden für die wiederkehrenden Gäste, aber auch für uns spannend und abwechslungsreich zu halten.»
«Und apropos Gäste!», ruft er aus. «Besonders wichtig ist mir der Kontakt zum Publikum. Ich liebe es, wenn ich sehe, dass Gäste wiederkommen oder neue Gruppen mitbringen. Das ist der beste Beweis dafür, dass unser Konzept funktioniert und wir gute Arbeit leisten.»
Warum die WeekendKrimis so gut ankommen, erklärt er einfach. «Die Leute können ihren Alltag hinter sich lassen und jemand anderes sein.» Sie tauchen in eine Geschichte ein, übernehmen Rollen und erleben etwas, das sie sonst nicht tun würden. «Es erstaunt mich immer wieder, wie viel Zeit einige Leute in ihre Kostüme investieren und mit welch Begeisterung sie an diesen Wochenenden mitmachen. Das macht mich stolz.»
Und wen spielt Christian im aktuellen Fall Der Absturz? «Natürlich bin ich wieder Reto Brüehschwyler. Aber ich spiele euch noch ein paar andere Rollen. Der Fall dreht sich um eine Gruppe von Flugzeugabsturz-Überlebenden, die auf einer Insel gestrandet waren. Und gleichzeitig spielt ein Schönheitswettbewerb eine Rolle. Mehr darf ich nicht verraten», meint er schmunzelnd und fügt an: «Kommt selber vorbei, um es herauszufinden!»