Kürzlich feierten wir den 100. WeekendKrimi. Das sind 100 dreitägige Wochenenden in einem Hotel. Das sind 300 Tage auf Mörderjagd. Über 1’000 blutige Leichen, rund 5’000 Hobby-Detektivinnen und -Detektive und literweise Kunstblut. Wer dabei immer wieder auftaucht – fast schon wie Verbrecher, die an den Tatort zurückkehren – sind unsere Stammgäste. Sie kommen, um Fälle zu lösen, Verdächtige zu verhören oder einfach, um dem wunderbar schrägen Treiben zuzuschauen. Zum Jubiläum wollten wir von einigen liebgewonnenen Regulars wissen: Macht WeekendKrimi süchtig?
Die üblichen Verdächtigen
Normalerweise reisen unsere Gäste mit einer falschen Identität an. Ein neuer Name, eine neue Vergangenheit, vielleicht sogar ein dunkles Geheimnis. Für einmal lassen wir die Rollen beiseite und blicken hinter die Kulissen der immer «üblichen Verdächtigen».
Heidi und Rico heben den Altersdurchschnitt im Saal ein wenig an, doch könnten sich einige der Jüngeren bei den beiden eine grosse Scheibe Energie und Lebensfreude abschneiden. «Man kommt an, bezieht das Zimmer, und plötzlich ist man mittendrin», erklärt Heidi, die mit ihrem Rico bereits vier WeekendKrimis besucht hat und sich jeweils blutrünstig auf die Leichen freut.
Am anderen Ende des Tisches sitzen Angela und Gjenc, ein junges Pärchen, das bereits fünfmal dabei gewesen ist. Energiegeladen und voller Vorfreude auf den nächsten Fall erzählt Angela mit leuchtenden Augen, wie sehr sie es liebe, sich zu verkleiden und in eine Rolle zu schlüpfen. Gjenc nickt und ergänzt, dass es gerade diese Mischung sei – Spiel, Spannung und Interaktion –, die das Ganze so besonders mache.
Catherine setzt sich mit einem schelmischen Lächeln dazu. Drei WeekendKrimis hat sie alleine besucht und erklärt, dass sie gerade dieses Alleinreisen schätze, dieses Eintauchen ohne Verpflichtungen. «Ich kann mich ganz auf die Geschichte einlassen», verrät sie. «Und manchmal verschwimme ich fast mit meiner Figur». Aber hey, egal, hier sind wir alle unter Mördern und Opfern, also sei wer du schon immer mal sein wolltest.
Dann die Gruppe um Lydia, Ursula, Matthias und Wolfgang. Eingespielt, vertraut, fünf WeekendKrimis haben sie gemeinsam erlebt, dazu mehrere Ausgaben von «Tatort Jungfrau». Wolfgang beschreibt das Wochenende als festen Termin im Jahr, eine Art Ritual. «Eine super Sache, die unglaublich viel Spass bietet.» Dass hier auch massenhaft gestorben wird, verschweigt er geschickt.
Unterschiedlicher könnten unsere Wiederholungstäter kaum sein. Und doch sind sie alle hier, um gemeinsam etwas zu erleben: drei Tage mit mindestens drei blutigen Leichen und unzähligen Verdächtigen.
Ein Wochenende, das mehr ist als ein Krimi
Was ist WeekendKrimi eigentlich? Zwei Nächte im Hotel, eingebettet in eine Geschichte voller Wendungen, falscher Fährten und überraschender Enthüllungen. Ein Wochenende, das aus vielen verschiedenen Erlebnissen besteht: ein Kostümabend, gemeinsame Essen, angeregte Gespräche, knifflige Rätsel, wildes Tanzen und natürlich ein Mordfall, der gelöst werden will. Oder zumindest gelöst werden sollte.
Matthias und Wolfgang schwärmen von den Spielen und Rätseln, bei denen man oft auch mit anderen Teilnehmenden in Kontakt kommt und gemeinsam an einem Strick zieht, manchmal in die richtige Richtung, manchmal mitten in die Irre.
Heidi und Rico erzählen, dass sie es geniessen, gemeinsam etwas zu erleben, das sie aus dem Alltag herausreisst. Die beiden schätzen neben dem Krimi auch das feine Essen und die späten Stunden in den Hotelbars auf deren Plüschsesseln schon so manches Alibi ins Wanken geraten ist.
Angela und Gjenc wiederum schwärmen vom Kostümabend und der Party am Samstagabend. Gjenc lächelt mit leuchtenden Augen, wenn er ans Tanzen denkt, während Angela erzählt, wie sehr es ihr Spass mache, sich dem Thema entsprechend zu verkleiden.
Catherine beschreibt den WeekendKrimi als Spiel mit Identitäten. Sie liebe es, sich selbst ein Stück weit zu verlieren, in eine andere Rolle zu schlüpfen und gleichzeitig die anderen genau zu beobachten. Und dabei sticht ihr vielleicht tatsächlich der entscheidenden Hinweis ins Auge.
Ursula hat den anderen ruhig zugehört und bringt es schliesslich auf den Punkt: «Es ist das Gesamtpaket von allem.» Erlebnis, Spannung und Interaktion lassen diese Wochenenden von allen anderen abheben. Die anderen wissen sofort, was sie meint und stimmen ihr ohne Zögern zu.
Zwischen Spa, See und Spurenanalyse
So intensiv die Krimiwelt ist, so wichtig ist auch das Drumherum. Neben dem Krimi sind natürlich die beiden Übernachtungen mit einem bunten Frühstücksbuffet und die beiden mehrgängigen Abendessen im Preis mit drin. Zusätzlich treffen sich die Hobby-Detektivinnen und -Detektive am Samstagnachmittag zum süssen Kaffee & Kuchen und etwas später zum feucht-fröhlichen Apéro, bei dem sich so manche Spur verdichtet oder komplett verläuft. Doch wie wichtig sind Hotel und Gastronomie für unsere Gäste?
Catherine erzählt, dass sie gerne Hotels mit einem Wellness auswähle. Am Samstagnachmittag ziehe sie sich zurück, lasse den Kopf zur Ruhe kommen. «Das gehört für mich dazu», sagt sie. «Dieser Wechsel zwischen Spannung und Entspannung.»
Die Gruppe um Wolfgang entdeckt gerne neue Orte. Matthias spricht von «Hotelperlen», die sie dabei finden können. Fügt dann jedoch lachend an, dass er inzwischen auch gelernt habe, wohin man besser kein zweites Mal zurückkehrt.
Angela und Gjenc sehen es ähnlich. Für sie ist jedes WeekendKrimi auch eine kleine Reise durch die Schweiz. Mal ist es der Blick auf einen See, mal ein besonders freundliches Service-Team, mal ein überraschend lebendiger Partyraum. «Jeder Ort hat etwas Eigenes», schwärmt Angela.
Heidi und Rico hingegen nehmen es gelassener. Für sie steht nicht das Hotel im Vordergrund, sondern das Erlebnis. «Klar, ein schönes Zimmer und gutes Essen sind wichtig», sagt Heidi, «aber am Ende zählt das Wochenende als Ganzes.»
Freizeit während der Mörderjagd
Am Samstag zwischen Mittag und Nachmittag kehrt Ruhe ein. Keine neuen Hinweise, keine dramatischen Szenen, keine frischen Leichen. Zeit zum Durchatmen – oder zum heimlichen Weiterkombinieren.
Wolfgang erzählt, dass seine Gruppe diese Stunden oft für Spaziergänge oder eine kurze Wanderung nutze. «Oder wir setzen uns einfach hin und lesen», ergänzt Ursula. Matthias nickt und erklärt, dass gerade dieses Nichtstun wichtig sei, um danach wieder frisch ins kriminelle Geschehen einzusteigen.
Catherine zieht es ins Spa oder nach draussen. Angela und Gjenc bleiben manchmal im Zimmer, basteln noch an ihren Kostümen und gehen die Indizien ein weiteres Mal durch, immer auf der Suche nach dem Detail, das alle anderen übersehen haben. «Das gehört einfach dazu», lacht Gjenc.
Heidi und Rico nutzen die Zeit, um die Umgebung zu erkunden oder sich auszuruhen. «Man darf nicht unterschätzen, wie anstrengend so ein Wochenende sein kann», witzelt Rico mit einem Augenzwinkern.
Wenn Geschichten bleiben
Fragt man nach Erinnerungen an längst vergangene Krimiwochenenden, beginnen die Augen unserer Stammgäste zu leuchten und man merkt schnell: Einige dieser Geschichten haben sich eingebrannt.
Catherine erinnert sich daran, wie sie einmal von anderen Gästen für die Mörderin gehalten wurde. Sie lacht, als sie erzählt, wie überzeugend sie offenbar gespielt habe.
Gjenc berichtet von einem Moment, der ihm besonders geblieben ist: Schauspieler Roland Duppenthaler war versehentlich die Treppe heruntergefallen, spielte dann aber mit gebrochenem Finger einfach weiter. «Man hat ihm nichts angemerkt – beeindruckend», erinnert er sich. Angela nickt und beginnt zu lachen: «Und dann war da diese Nacht in Vitznau, als ich gemeinsam mit Schauspielerin Eva Maropoulos auf den Tischen tanzte.» Gjenc ergänzt: «Irgendwann wird man einfach Teil dieser verrückten Welt.»
Matthias erinnert sich lebhaft an einen nächtlichen Weckruf. Alle Gäste wurden aus den Betten geholt, weil eine Leiche entdeckt worden war. Und plötzlich tauchte Schauspieler Jürg C. Maier in einem knappen S/M-Kostüm auf. «Das vergisst man nicht», grinst er.
Wolfgang erzählt stolz, dass er einmal auf der Strasse erkannt wurde – wegen seiner WeekendKrimi-Rolle. «Das war schon speziell», lacht er.
Und Heidi und Rico? Sie haben so viele Erinnerungen gesammelt, dass sie gar nicht alle aufzählen können. Rico sagt, sie würden sich jedes Mal freuen, wieder in ein neues Abenteuer geworfen zu werden. «Und ganz nebenbei haben wir dreimal den Wettbewerb für das beste Kostüm gewonnen», fügt Heidi mit einem breiten Lächeln an.
Alleine, zu zweit oder in einer Gruppe
Catherine spricht offen darüber, wie es ist, alleine zu reisen. Sie geniesst die Freiheit, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren. «Im Alltag habe ich wenig Zeit für mich», erklärt sie. «So geniesse ich die Freiheit, die ich während diesen Wochenenden erlebe.» Manchmal sei es schwierig, sich in Gruppen einzufinden. «Aber meistens klappt es gut.» Sie wünscht sich jedoch, dass mehr Alleinreisende den Schritt wagen.
Heidi und Rico wollen gemeinsam etwas erleben und vor allem Zeit miteinander verbringen. «Und dabei einigen Leichen und skurrilen Personen zu begegnen, macht das Leben umso spannender und lustiger», erklärt Heidi.
Die Gruppe um Lydia, Ursula, Matthias und Wolfgang sieht die kriminellen Wochenenden als Gelegenheit, bewusst Zeit miteinander zu verbringen. «Wir planen das ein», verrät Wolfgang, «und freuen uns jedes Mal schon lange vorher darauf.»
Doch allen wird schnell klar, dass es eigentlich egal ist, zu wievielt man einen WeekendKrimi besucht. Denn nach einigen Stunden wird man eh zu einer grossen Familie und lernt schnell andere Detektivinnen und Detektive mit krimineller Energie kennen.
Und macht das wirklich süchtig?
Warum kommt man Jahr für Jahr wieder zurück, um in einem Hotel nach einem Mörder zu suchen? Ursula denkt kurz nach und erklärt: «Die Vorfreude ist immer riesig, denn jeder Fall ist wieder neu und bietet etwas anderes.»
Matthias und Wolfgang sprechen vom Rätseln, vom Spiel, das einen nicht mehr loslässt und von dem sie nicht genug bekommen können.
Catherine nennt die Krimiwochenenden schlicht «lässig» und führt aus: «Es ist genau diese Mischung aus Spiel, Beobachtung und Überraschung, die mich immer wieder an die Tatorte zurückbringt.»
Angela und Gjenc beschreiben es als eine Art Heimkommen. «Wir kennen und mögen den Stil, die Atmosphäre, die Menschen, die dahinterstecken. Und trotzdem freuen wir uns jedes Mal auf etwas Neues und wurden noch nie enttäuscht.»
Heidi und Rico sind sich einig, dass sie jedes Wochenende begeistert hat und dass sie wohl genau deshalb immer wieder einen neuen Fall erleben möchten.
Und bei allen Wiederholungstäter am grossen Tisch fällt immer wieder ein Wort, das sich wie ein roter Faden durch die Erklärung dieser leicht kriminellen Sucht zieht: Interaktion. Die Interaktion mit den Schauspielerinnen und Schauspielern. Dieses Gefühl, mittendrin zu sein. Nicht Zuschauer, sondern Teil der Geschichte. «Das Interagieren mit den Verdächtigen ist einmalig», bringt Catherine es auf den Punkt.
Fall abgeschlossen?
Zum Schluss sagt Gjenc, halb im Scherz, halb im Ernst, dass Angela und er noch nicht einmal vierzig seien und gerne noch rund fünfzig Jahre lang dabei sein möchten. Angela stimmt ihm lachend zu und meint, dass es WeekendKrimi hoffentlich noch so lange geben werde.
Ist das Sucht? Ziemlich sicher…