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  • Drei Krimis, die in keinem Koffer fehlen dürfen.

Ferienlektüre aus dem Archiv des Verbrechens

Buch-Tipps für den Sommer
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Ein Besuch bei Paul Ott und dem Schweizer Krimiarchiv.

24. Juni 2025

von Peter Denlo

Die Sommerferien stehen vor der Tür. Der Koffer ist fast gepackt – fehlt nur noch das perfekte Buch. Oder besser gesagt: der perfekte Mord. Denn wer will schon mit einem banalen Liebesroman am Strand sonnen, wenn es auch Leichen, Lügen und literarische Labyrinthe sein können? Doch im Wirrwarr der Auswahl – zu welchen Büchern soll man greifen?

Ich habe mich an einem heissen Juni-Nachmittag auf nach Grenchen gemacht, um einen Mann zu treffen, der sich wie kaum ein zweiter mit Krimis auskennt: Paul Ott – Lehrer, Autor, Sammler, Krimi-Koryphäe. Vielen ist er besser bekannt als Paul Lascaux, dem Pseudonym, unter dem er seit den 1980er-Jahren einen Krimi-Bestseller nach dem anderen schreibt. Und nicht nur das: Paul ist Gründer und Herzblutmotor des einzigartigen Krimiarchivs in Grenchen – dem wohl blutigsten Kulturgutlager der Schweiz.

Zwischen Schubladenmorden und Dachbodenfunden
Die Temperatur wird angenehm kühl, während ich die Treppen hinuntersteige. Denn ich treffe Paul im Keller der Stadtbibliothek, wo das Krimiarchiv untergebracht ist. Dies ist kein Ort, an dem man Bücher ausleiht – sondern ein Ort, an dem Literatur atmet. Hier ist die Geschichte des Schweizer Krimis zum Greifen nah. Über 3000 Werke schlummern in den Regalen, einige davon über hundert Jahre alt. Ursprünglich war es Pauls reine Privatsammlung – heute ist es ein kulturerhaltendes Projekt mit Geschichte und Zukunft.

Dass Grenchen zum Standort des Krimiarchivs wurde, ist übrigens kein Zufall. Während des ersten Lockdowns 2020 traf Ott – mit Unterstützung des Krimiautors Christof Gasser – auf Mike Brotschi von der Stadtverwaltung. Und siehe da: Die Stadt Grenchen war nicht nur interessiert, sie wollte Krimi als Kulturthema aktiv fördern. Eine Partnerschaft war geboren – der perfekte Mordschauplatz gefunden.

One-Man-Archiv mit vielen Händen
Trotz der städtischen Unterstützung bleibt das Archiv eine One-Man-Show. Paul Ott katalogisiert, sortiert, forscht – mit gelegentlicher Hilfe von Freunden, Interessierten und ehrenamtlichen Helfern. Besonders stolz ist er auf eine Schenkung von 5000 Krimis aus der Zeit vor 1945 – ein bibliophiler Schatz, momentan noch ausgelagert, aber bereits im digitalen Katalog erfasst.

Paul sucht gezielt nach alten Krimis in Antiquariaten quer durch Europa. Dabei konzentriert er sich ausschliesslich auf schweizerische Kriminalliteratur. Das Regal vollgestopft mit Georges-Simenon-Büchern verwirrt mich also. Ich dachte doch, Simenon sei Belgier gewesen. «Er lebte über dreissig Jahre in der Schweiz», erklärt Paul. Und meint: «Ohne Simenon kein Glauser, ohne Glauser kein Wachtmeister-Studer-Film – und ohne Studer-Film kein Boom des helvetischen Krimis.»

Im Gespräch mit Paul wird schnell klar: Krimis sind nicht bloss Unterhaltung. Sie sind kultureller Spiegel, Sprachrohr und Spielplatz zugleich. Vom atmosphärisch dichten Glauser über die volksnahen Whodunits à la Agatha Christie bis zur heutigen Vielfalt des Genres: Der Krimi hat sich gewandelt, bleibt aber konstant faszinierend.

Vom Thriller-Verschlinger zum Ehren-Glauser
Paul Otts Leidenschaft für Krimis begann früh – als Teenager verschlang er einen rororo-Thriller nach dem anderen, durchschnittlich einen pro Tag. Gebürtig aus dem Kanton St. Gallen, verschlug es ihn fürs Studium der Kunstgeschichte und Germanistik nach Bern, wo er bis heute lebt. Er arbeitete als Lehrer, Journalist, Kritiker – und fand nebenbei im Krimi seine literarische Heimat.

Heute ist Paul 70 Jahre alt, hat 21 Romane geschrieben, unzählige Anthologien und Sachbücher herausgegeben – und wurde 2024 mit dem Friedrich-Glauser-Preis, der höchsten Auszeichnung für deutschsprachige Kriminalautorinnen und -autoren, geehrt. «Ich habe alles erreicht – und noch viel mehr», verrät er dankbar. Schreiben will er nur noch, wenn ihn ein Thema wirklich packt. Doch mit dem Archiv in Grenchen bleibt er aktiv – als Bewahrer, Vermittler und als Detektiv im Dienst der Kriminalliteratur.

Drei Krimis für die Sommerferien
Was gibt es für die heissen Tage Besseres als kalte Leichen? Aber welche Bücher soll man mit an den Strand nehmen? Die Wahl fällt angesichts der Fülle oft schwer. Doch kaum ein Schweizer kennt sich mit Krimis besser aus als Paul Ott. Also frage ich ihn nach seiner Sommer-Empfehlung. Er streift unentschieden zwischen den Gestellen hin und her. So viele Möglichkeiten. Doch dann zieht er einen dicken Schinken hervor: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert des Westschweizers Joël Dicker. Ein Pageturner, der international Wellen geschlagen hat. Zwischen Twin-Peaks-Ambiente, literarischem Drama und Crime noir entfaltet sich ein Fall, der mehr als nur ein Geheimnis birgt. Wer das Buch noch nicht kennt – Ferienzeit ist Quebert-Zeit.

Auf die Frage, welches seiner eigenen Lascaux-Werke in keinem Ferienkoffer fehlen darf, schiesst er wie aus der Pistole: natürlich Berner Revolte, sein neuester Roman, der uns in die Punk-Bewegung der 1980er-Jahre führt. Kein historischer Krimi im klassischen Sinn, aber ein Werk, das geschickt mit Vergangenheit und Gegenwart spielt – ganz ohne Nostalgiebrille. Perfekt für alle, die es intelligent und atmosphärisch mögen.

Und wenn ich durch die Bücherreihen des Krimiarchivs wandere, fällt mein Auge schliesslich sofort auf meinen eigenen Wurf – Zungentod. Reisebericht, Krimi und Kochbuch in einem: Der rasante Roman spielt auf drei Kontinenten und endet schliesslich im mystischen Myanmar, wo ein schauriges Geheimnis darauf wartet, gelüftet zu werden.

Ob auf dem Strandtuch an der Costa Blanca, im Zug ins Tessin oder während dem regnerischen Städtetrip: Ein mörderischer Krimi ist immer eine gute Idee. Und wer Lust hat, tiefer einzutauchen in die Welt des Schweizer Verbrechens, wer einmal Krimi-Luft der Vergangenheit und der Gegenwart schnuppern möchte, sollte das Krimiarchiv in Grenchen nicht nur auf der Landkarte suchen – sondern auf der persönlichen To-do-Liste ganz nach oben setzen.

Denn wo sonst kann man zwischen Leichen und Lascaux, Dicker und Denlo, Glauser und Giftmorden wandeln – und dabei das Gefühl haben, Teil eines grossen, wunderbaren Krimiprojekts für die Ewigkeit zu sein?

Schweizer Krimiarchiv
Lindenstrasse 24
2540 Grenchen
Website

Das Archiv ist während der Öffnungszeiten der Stadtbibliothek Grenchen zugänglich. Bitte melde dich in der Stadtbibliothek.

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