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  • Mafia 01

Auf der Suche nach der Mafia

DinnerKrimi «Pizza, Pasta, Mord»
DK
Zwischen Mythos, Mord und einer verdammt guten Pasta.

20. September 2026

von Peter Denlo

Was ist eigentlich dran an unserem Bild von der Mafia? Für den neuen DinnerKrimi «Pizza, Pasta, Mord» habe ich versucht, der Cosa Nostra auf die Spur zu kommen. Eine Reise zwischen Hollywood-Klischees und brutaler Realität, zwischen «Der Pate», Schutzgeld und mutigem Widerstand.

In mir fliesst italienisches Blut. Ein Quäntchen zumindest. Das wurde mir in meiner Familie über Jahrzehnte so vermittelt, und ich war mächtig stolz darauf. Meine Urgrossmutter Paula Scandolera sei Römerin gewesen, hiess es. Roma! Das Kolosseum! La Dolce Vita! Sophia Loren! Ein Hauch von Italien also auch in mir. Bis ich mit Ahnenforschung begann.

Paula Scandolera wurde nämlich im Schwarzwald geboren. Als Tochter einer Bernerin und eines Urners. Das war zunächst einmal ernüchternd. Aber Scandolera? Das klingt nun wirklich weder besonders bernisch noch urnerisch. Also grub ich weiter. Und siehe da: Ihr Vater Domenico stammte aus dem Tessin. Aus Sant’Antonino, um genau zu sein. Da fahre ich zweimal im Jahr auf dem Weg zu unserem WeekendKrimi in Ascona durch. Ich habe dort sogar schon Kaffee getrunken! Die italienische Spur war also wieder heiss.

Und dann der Durchbruch: Domenicos Eltern waren nach Sant’Antonino eingewandert und dort eingebürgert worden. Aus Italien! Ha! Also doch Römer?

Vermutlich nicht. Wahrscheinlicher ist irgendein Ort in Norditalien. Vielleicht kamen sie als Mineure in die Schweiz, möglicherweise im Zusammenhang mit den grossen Tunnel- und Eisenbahnbauten jener Zeit. Domenico selbst arbeitete später jedenfalls im Schwarzwald im Tunnelbau.

Das Mysterium meines italienischen Blutes ist also bis heute nicht restlos geklärt. Aber eines steht fest: Irgendwo tief in meinem Stammbaum steckt Italien. Und damit, so beschloss ich kurzerhand, fliesst selbstverständlich auch ein Quäntchen Mafia in mir.

Pizza. Pasta. Mord.

Warum beschäftigt mich das überhaupt? Unser neuer DinnerKrimi heisst «Pizza, Pasta, Mord». Und dieser Titel klingt nicht nur nach Italianità – er ist Italianità. Und wenn in einem Titel italienisches Essen und Mord zusammentreffen, dann ist die Mafia selbstverständlich nicht weit.

Bevor ich mich ans Schreiben setzte, begann ich also mit Recherchen. «Der Pate» I, II und III. Gähn. «Goodfellas», «Scarface» und alles, was das Genre sonst noch hergibt. Männer in dunklen Anzügen, Männer mit Maschinenpistolen, Männer mit schlechten Manieren. Dazu Spaghetti, Espresso, schwarze Limousinen und hin und wieder ein Pferdekopf im Bett.

Nur: Irgendwann wusste ich nicht mehr, was eigentlich zuerst da war. Die Mafia oder unser Bild von ihr? Beruhen all diese Klischees auf der Wirklichkeit oder beruhen sie inzwischen vor allem auf Mario Puzo, Francis Ford Coppola und fünfzig Jahren Hollywood?

Klar, ich schreibe eine Mafia-Komödie. Da dürfen die Klischees nicht fehlen. Eine allwissende Nonna gehört ebenso dazu wie der Mafioso mit Katze, die Watte in den Backen, der Auftragskiller und natürlich die weltbeste geheime Familienrezeptur für Sugo.

Aber bevor man sich über ein Klischee lustig macht, sollte man wissen, wo die Wirklichkeit aufhört und die Fiktion beginnt. Also buchte ich kurzerhand einen Flug nach Palermo.

Auf der Suche nach der Mafia

Es war nicht mein erstes Mal auf Sizilien. Als ich elf Jahre alt war, machten wir hier Familienferien. Es waren die späten 1980er Jahre. Die grossen Mafia-Prozesse liefen, die Nachrichten waren voll von Morden, und meine Mutter war dementsprechend nervös.

Kurz vor der Abreise stellte sie fest, dass sie ihren Ehering seit ihrer Hochzeit nie mehr vom Finger genommen hatte. Das musste sich ändern. Zu gross war offenbar die Gefahr, dass in Sizilien ein Mafioso hinter einer Palme hervorspringen und ihr wegen des bisschen Goldes mit einer Heckenschere den Finger abschneiden würde.

Mein Vater bekam den Ring schliesslich mit viel Seife vom Finger meiner vor Schmerzen schreienden Mutter. Nun waren wir bereit für Sizilien. Und dann geschah – nichts. Kein Mafioso an jeder Strassenecke. Niemand raubte uns aus. Niemand verlangte Schutzgeld. Niemand verwickelte uns in einen internationalen Heroinhandel. Sizilien war friedlich, wunderschön und für einen Elfjährigen auf der Suche nach Verbrechern beinahe enttäuschend.

Fast vierzig Jahre später ist das nicht anders. Wer heute als Tourist durch Palermo spaziert, bekommt von der Mafia zunächst einmal erstaunlich wenig mit. Man muss die Spuren ein wenig suchen. Doch zum Glück gibt es «Addiopizzo». Aber dazu später.

Welche Mafia darf es denn sein?

Zunächst müssen wir etwas klären: Die Mafia gibt es eigentlich gar nicht. Wenn wir von Sizilien sprechen, meinen wir die Cosa Nostra. In Kampanien rund um Neapel dominiert traditionell die Camorra, in Kalabrien die ’Ndrangheta. Daneben existieren weitere Organisationen. Sie unterscheiden sich in Struktur, Geschichte und Einfluss.

In Palermo geht es aber vor allem um die Cosa Nostra. Und ihre Geschichte beginnt weniger romantisch, als es manche Legende gerne hätte. Die Vorstellung von mittelalterlichen sizilianischen Banditen, die wie Robin Hood den Reichen nahmen und den Armen gaben, gehört eher ins Reich der Folklore.

Die moderne Mafia lässt sich historisch vor allem im 19. Jahrhundert greifen. Nach dem Ende des Feudalsystems und insbesondere nach der italienischen Einigung von 1861 war der Staat in Teilen Siziliens schwach. Wer Eigentum schützen, Verträge durchsetzen oder seine Ernte sichern wollte, konnte sich auf Polizei und Justiz nicht immer verlassen. Und wo der Staat ein Vakuum hinterlässt, findet sich meistens jemand, der es füllt.

Auf Sizilien waren das unter anderem private Wächter, Mittelsmänner und bewaffnete Beschützer. Besonders interessant: Historische Forschungen zeigen einen Zusammenhang zwischen der frühen Mafia und den damals extrem lukrativen Zitronen- und Orangenplantagen rund um Palermo. Wer viel Geld mit Zitrusfrüchten verdiente, brauchte Schutz.

Und irgendwann wurde aus «Wir beschützen dich» das wesentlich lukrativere Geschäftsmodell: «Wir beschützen dich vor dem, was passiert, wenn du uns nicht dafür bezahlst.» Ein Geschäftsmodell war geboren.

Von Palermo nach New York

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verliessen Millionen Italiener ihre Heimat. Auch unzählige Sizilianer wanderten in die USA aus. Mit ihnen gelangten soziale Netzwerke, Familienverbindungen und kriminelle Strukturen über den Atlantik. New York und Chicago wurden zu Zentren der amerikanischen Mafia.

Hollywood hat uns später gelehrt, wie so eine Mafiafamilie auszusehen hat: ein Don an der Spitze, darunter seine Vertrauten, Capos und Soldaten. Familien, die Gebiete und Geschäfte kontrollieren und sich gleichzeitig untereinander arrangieren oder bekämpfen.

Ganz erfunden ist das nicht. Auch die sizilianische Cosa Nostra entwickelte hierarchische Strukturen. Einzelne «Familien» kontrollierten Territorien, mehrere Familien wurden über übergeordnete Gremien koordiniert. In Palermo entstand schliesslich jene berüchtigte Kommission, die später als Cupola bekannt wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Verbindungen zwischen Sizilien und den USA für das internationale Geschäft immer wichtiger. Die Mafia war längst nicht mehr nur eine Bande, die einem Gemüsehändler ein paar Lire abnahm. Sie wurde ein multinationales Unternehmen. Nur ohne Geschäftsbericht.

Heroin, Milliarden und die Corleoneser

In den 1970er und 1980er Jahren stieg die Cosa Nostra zu einem der bedeutenden Akteure im internationalen Heroinhandel auf. Über sizilianisch-amerikanische Netzwerke gelangten enorme Mengen Heroin in die Vereinigten Staaten. Das berüchtigte «Pizza Connection»-Verfahren in den USA machte später sichtbar, wie weit verzweigt dieses Geschäft geworden war.

Mit dem Drogenhandel kamen ungeheure Geldmengen nach Sizilien. Und Geld braucht Banken, Firmen, Immobilien, Bauprojekte und andere Möglichkeiten, um irgendwann nicht mehr nach Drogengeld auszusehen.

Die Mafia wurde unternehmerischer. Gleichzeitig griff sie immer tiefer in Wirtschaft und Politik ein. Korruption war dabei häufig wirkungsvoller als eine Pistole. Wer einen Politiker kaufen kann, muss ihn nicht erschiessen.

Doch das viele Geld hatte einen Nachteil: Plötzlich wollten alle mehr davon. So eskalierte Ende der 1970er und vor allem zu Beginn der 1980er Jahre der Machtkampf innerhalb der Cosa Nostra. Die Corleoneser um Salvatore «Totò» Riina und Bernardo Provenzano traten gegen die bis dahin dominierenden Familien an.

Was folgte, war ein blutiger Krieg innerhalb der Mafia. Hunderte Menschen wurden ermordet. Rivalisierende Mafiosi verschwanden, ihre Angehörigen wurden getötet, und die Gewalt richtete sich zunehmend auch gegen Vertreter des Staates. Politiker, Polizisten, Richter, Staatsanwälte und andere, die der Cosa Nostra im Weg standen, wurden zu Zielscheiben. Und schliesslich setzte sich Totò Riina durch und wurde zum mächtigsten Mann der Organisation.

Genau aus dieser Zeit stammt das Bild, das sich bis heute in unseren Köpfen festgesetzt hat: der Mafioso, der gemütlich in der Trattoria seine Spaghetti isst, während draussen eine Limousine vorbeifährt und jemand aus dem Fenster mit einem Maschinengewehr feuert.

Hollywood musste das gar nicht vollständig erfinden. Die Realität lieferte genügend Material. Und das noch vor nicht einmal 50 Jahren.

Kein Wunder also, dass meine Mutter sich damals gedanklich bereits mit abgeschnittenem Finger erschossen hinter der Kathedrale von Cefalù liegen sah.

Der Staat schlägt zurück

Aber je brutaler die Cosa Nostra wurde, desto grösser wurde auch der Widerstand. Zwei Namen stehen heute wie kaum andere für den Kampf gegen die Mafia: Giovanni Falcone und Paolo Borsellino.

Die beiden sizilianischen Untersuchungsrichter gehörten zum berühmten Anti-Mafia-Pool in Palermo. Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse war im Grunde verblüffend simpel: Man durfte die Mafia nicht als Ansammlung einzelner Verbrecher betrachten. Die Cosa Nostra war eine Organisation. Dabei halfen Aussagen von Kronzeugen wie Mafioso Tommaso Buscetta, der den Ermittlern die Strukturen der Organisation erklärte.

1986 begann in Palermo der legendäre «Maxiprocesso». Hunderte Angeklagte standen vor Gericht. Der Prozess endete mit zahlreichen Verurteilungen und jahrzehntelangen Haftstrafen. Der Mythos von der unantastbaren Mafia hatte erstmals gewaltige Risse bekommen.

Schon 1982 war zudem mit dem «Artikel 416-bis» ein entscheidendes Gesetz geschaffen worden: Seither ist in Italien bereits die nachgewiesene Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung strafbar. Der Staat musste einem Mafioso also nicht mehr zwingend persönlich einen bestimmten Mord oder eine bestimmte Erpressung nachweisen. Die Zugehörigkeit zur Organisation selbst konnte zum Verbrechen werden. Für die Cosa Nostra war das eine Kriegserklärung.

Falcone und Borsellino

Am 23. Mai 1992 fuhr Giovanni Falcone mit seiner Frau Francesca Morvillo in ihr Ferienhaus ausserhalb Palermos. In der Nähe des Flughafens explodierten unter der Autobahn mehrere hundert Kilogramm Sprengstoff. Falcone, seine Frau und drei Männer seiner Eskorte starben.

Keine zwei Monate später, am 19. Juli 1992, besuchte Paolo Borsellino seine Mutter in Palermo. In der Via D’Amelio explodierte eine Autobombe. Borsellino und fünf Mitglieder seiner Eskorte wurden getötet.

Heute sind die beiden in Palermo allgegenwärtig. Ihre Gesichter schauen von überlebensgrossen Wandgemälden auf die Stadt. Gedenktafeln erinnern an sie. Der Flughafen von Palermo trägt ihre Namen. Falcone und Borsellino sind zu Nationalhelden geworden.

Und doch hörte ich in Palermo auch eine unbequeme Frage: Warum braucht Italien fast 35 Jahre später noch immer die beiden ermordeten Richter als die überragenden Gesichter des Kampfes gegen die Mafia? Wo sind die neuen Helden? Wo sind die Falcones und Borsellinos von heute?

Die Frage ist vielleicht ungerecht gegenüber all jenen Staatsanwälten, Polizisten, Journalisten und Aktivisten, die diesen Kampf bis heute führen. Aber dennoch bleibt sie hängen.

Und die Kirche?

Auch die katholische Kirche hat im Umgang mit der Mafia keine makellose Vergangenheit. Mafiosi verstanden es jahrzehntelang erstaunlich gut, ihre Verbrechen mit demonstrativer Frömmigkeit zu verbinden. Sonntags in die Messe, Heiligenfiguren durch die Strassen tragen, Kinder taufen lassen – und am Montag wieder erpressen, schmuggeln und morden.

Teile der sizilianischen Kirche schauten lange weg oder verharmlosten das Problem. Bis zum 9. Mai 1993 als Papst Johannes Paul II. das südsizilianische Agrigento besuchte und sich während seiner Messe in einer improvisierten, ungewöhnlich emotionalen Ansprache direkt an die Mafiosi wandte. «Convertitevi!» – Bekehrt euch! –, rief er ihnen entgegen und erinnerte sie daran, dass eines Tages Gottes Gericht kommen werde.

Ein Papst hatte der Mafia öffentlich und unmissverständlich erklärt: Ihr könnt nicht gleichzeitig Mafiosi und gute Katholiken sein.

Papst Franziskus ging 2014 noch einen Schritt weiter. Bei einem Besuch in Kalabrien bezeichnete er die Mafia als «Anbetung des Bösen» und erklärte ihre Mitglieder für exkommuniziert. Damit zog die katholische Kirche eine unmissverständliche Grenze: Mafia und Kirche waren nicht länger miteinander vereinbar.

Addio, Pizzo!

Und damit zurück ins heutige Palermo. Bei meiner Suche nach der realen Mafia stiess ich auf «Addiopizzo». Der Name ist Programm: «Addio Pizzo» oder tschüss, Schutzgeld.

Denn das Pizzo existiert weiterhin. Das Prinzip ist ebenso simpel wie perfide. Ein Restaurant, eine Bar, ein Laden oder ein Unternehmer zahlt regelmässig einen Betrag an die örtliche Mafiafamilie. Die Forderung ist bewusst oft so bemessen, dass sie wirtschaftlich verkraftbar bleibt.

Die Mafia möchte keine einmalige Beute. Sie möchte ein Abonnement. Und ein ausgebranntes Restaurant bezahlt im nächsten Monat kein Schutzgeld mehr.

Genau dagegen kämpft «Addiopizzo» seit 2004. Unternehmen können sich öffentlich verpflichten, kein Schutzgeld zu bezahlen. Wer nach einer Prüfung in das Netzwerk aufgenommen wird, kann zeigen: Bei uns landet kein Pizzo bei der Mafia. Das verändert auch das Verhalten der Konsumenten. Denn plötzlich kann ich entscheiden, ob ich mein Geld einem Unternehmen gebe, das sich öffentlich gegen die Mafia stellt.

Als die Bewegung Mitte der 2000er Jahre Fahrt aufnahm, waren es erst rund hundert Unternehmen in Palermo und Umgebung, die sich öffentlich gegen das Pizzo stellten. Heute sind es mehr als 1’000. Das klingt in einer Metropole wie Palermo zunächst nach wenig. Tatsächlich steckt darin aber eine brillante Idee.

Die Mafia funktioniert über Angst. Wenn ein einzelner Restaurantbesitzer sagt: «Ich zahle nicht», kann man ihn bedrohen. Wenn eine ganze Strasse nicht bezahlt, wird es schwieriger. Wenn tausend Unternehmen nicht bezahlen, verändert sich das Kräfteverhältnis. «Addiopizzo» bekämpft die Mafia deshalb mit etwas, das diese seit jeher selbst benutzt: Gemeinschaft.

Der Erfolg von «Addiopizzo» hat somit auch Nachahmer gefunden. Ähnliche Organisationen entstanden in den letzten Jahren in Catania, Messina, in Neapel und gar im deutschen Duisburg.

Wo ist die Mafia heute?

Wer nun glaubt, damit sei das Problem gelöst, irrt. Die Cosa Nostra ist heute nicht mehr jene Organisation der frühen 1980er Jahre, in der Leichen auf Palermos Strassen beinahe zum Alltag gehörten. Der italienische Staat hat enorme Erfolge erzielt. Totò Riina wurde 1993 verhaftet, Bernardo Provenzano 2006 und Matteo Messina Denaro, einer der letzten grossen Mafiabosse seiner Generation, 2023 nach dreissig Jahren auf der Flucht.

Aber eine Mafia verschwindet nicht einfach, weil ihre berühmtesten Bosse im Gefängnis sitzen. Sie verändert sich.

Mein Guide bei «Addiopizzo» bezeichnete das Pizzo sogar als «kleinen Fisch». Das Schutzgeldgeschäft sei gewissermassen die Arbeit der Fusssoldaten vor Ort. Das wirklich grosse Geld werde längst anderswo verdient. Drogenhandel, Geldwäsche und andere kriminelle Geschäfte bleiben wichtig. Gleichzeitig steckt mafiöses Kapital in vollkommen legal wirkenden Bereichen: Bau, Immobilien, Gastronomie, Unternehmen und öffentliche Aufträge.

Gerade darin liegt die moderne Gefahr. Der Mafioso von heute muss nicht aussehen wie Marlon Brando. Er braucht keine Katze auf dem Schoss, keine Watte in den Backen und vermutlich nicht einmal einen italienischen Pass. Das Geld kennt keine Landesgrenzen.

Auch die Schweiz ist deshalb kein mafiafreier Raum. Italienische Mafiaorganisationen operieren international, investieren Gelder und nutzen legale Wirtschaftsstrukturen zur Geldwäsche. Wo viel Geld bewegt werden kann, sind organisierte kriminelle Netzwerke interessiert.

Eine besonders spektakuläre Zahl hörte ich in Palermo ebenfalls: Angeblich sollen 60 Prozent der Restaurants in Mailand direkt oder indirekt in mafiöser Hand sein. Belegen lässt sich eine derart konkrete Zahl allerdings nicht zuverlässig. Und genau hier schliesst sich für mich der Kreis meiner Recherche: Denn die Mafia lebt nicht nur von Angst und Gewalt. Sie lebt auch von Mythen.

Der Pate wohnt nicht an jeder Strassenecke

Ich flog nach Palermo, um das «wahre Mafia-Gefühl» zu finden. Stattdessen ass ich Pasta, lief durch Märkte, trank Espresso und musste die Mafia regelrecht suchen. Und das ist eigentlich eine gute Nachricht.

Die Cosa Nostra konnte über Generationen Macht entfalten, obwohl ihre eigentliche Mitgliederzahl im Verhältnis zur Bevölkerung Siziliens winzig war. Nicht weil jeder Sizilianer Mafioso war, sondern weil Gewalt, Korruption, wirtschaftliche Abhängigkeit und vor allem Schweigen ihr eine Macht verliehen, die weit über ihre Mitglieder hinausreichte.

Dafür gibt es ein berühmtes Wort: Omertà. Schweigen. Genau deshalb sind Organisationen wie «Addiopizzo» so wichtig. Sie brechen dieses Schweigen. Ein kleiner Aufkleber in einem Schaufenster wirkt zunächst lächerlich unspektakulär neben den Bomben auf Falcone und Borsellino. Vielleicht liegt aber gerade in diesem Kleinen die grosse Kraft.

Für «Pizza, Pasta, Mord» habe ich am Ende trotzdem vieles aus Hollywood behalten. Natürlich gibt es bei uns eine Nonna. Natürlich gibt es einen Don. Natürlich gibt es eine Katze. Natürlich gibt es einen Auftragskiller. Und selbstverständlich gibt es Sugo.

Es ist schliesslich ein DinnerKrimi und keine Dissertation über organisierte Kriminalität.

Aber hinter all diesen Klischees steht nun für mich eine andere Realität. Eine Geschichte von Armut und Macht, von Zitronenhainen und Heroin, von korrupten Politikern und mutigen Richtern, von Bomben, Schweigen und Menschen, die irgendwann beschlossen haben, nicht mehr zu schweigen.

Und mein eigenes italienisches Mafia-Blut?

Nun ja. Meine Ahnenforschung ist noch nicht abgeschlossen. Aber falls sich irgendwann herausstellt, dass meine Scandoleras tatsächlich vielleicht doch aus aus einem sizilianischen Dorf stammen, weiss ich zumindest endlich, woher meine Faszination für das Verbrechen kommt.

Und bis dahin begnüge ich mich mit Sant’Antonino TI.

Und der weltbesten Sugo.

«Pizza, Pasta, Mord»

DinnerKrimi

Oktober 2026 bis März 2027

Zwei Mafiafamilien, eine Beerdigung und dann ein lauter Schuss. Plötzlich steckst du mitten in der Vendetta, zwischen Pasta, Pistolen und dunklen Geheimnissen. Kannst du diesen verstrickten Fall voller italianità lösen?