«Das Brandenburger Tor befindet sich im freien Fall.»
Ein Satz aus einer apokalyptischen Szene in Moritz Rinkes Theaterstück Der Mann, der noch keiner Frau Blösse entdeckte. Als junger Theatermacher in Los Angeles war ich im Sommer 2001 bei der US-amerikanischen Uraufführung dieses Stücks als Regieassistent engagiert. Während der Proben beschäftigte uns dieser eine Satz immer wieder. Wir diskutierten ihn intensiv, wägten seine Wirkung ab, seine politische und emotionale Wucht, seine Bilder. Schliesslich entschieden wir uns, ihn zu amerikanisieren. Aus dem Brandenburger Tor wurde das World Trade Center.
«Das World Trade Center befindet sich im freien Fall.»
Die Premiere fand drei Tage vor dem 11. September 2001 statt.
Nach den Anschlägen stand plötzlich ein Satz im Raum, der zuvor als theatrale Zuspitzung gedacht war und nun eine beklemmende Nähe zur Realität bekommen hatte. Der Autor entschied sich damals, den Text unverändert zu lassen, fügte dem Programmheft jedoch einen kurzen erklärenden Text bei.
Realität imitiert Kunst. Oder doch umgekehrt?
In der Regel ist es natürlich andersherum. Wir Autorinnen und Autoren lassen uns tagtäglich von der Wirklichkeit inspirieren: vom Weltgeschehen, von Zeitungsartikeln, von Gesprächen im Zug, vom beiläufigen Treppenhausgeschwätz. Niemand entkommt dem. Und doch gibt es diese seltenen, verstörenden Momente, in denen man den Eindruck hat, die Realität bediene sich ihrerseits bei der Kunst. Als hätte sie mitgelesen. Oder abgeschrieben.
Eine sehr traurige Erfahrung dieser Art machten wir im Jahr 2014 in Wengen. Für die zweite Ausgabe von Tatort Jungfrau drehten wir eine Szene, in der ein Mann aus einer Gondel in die Tiefe stürzt. Für diese Filmaufnahme standen wir bereits frühmorgens, kurz nach halb sieben, bei der Gondelbahn, die auf den Männlichen führt. Im Gepäck: eine lebensgrosse Puppe, millimetergenau gekleidet wie unser Schauspieler Enzo Esposito.
Unten im Schnee positionierte sich Christian Arroyo mit der Kamera. Enzo und ich fuhren, begleitet von einem Mitarbeiter der Männlichenbahn, rund dreissig Meter aus der Talstation hinaus. Dann begannen wir zu drehen. Enzo spielte einen Mann, der vergiftet worden war, nach Luft rang und panisch die Schiebetür der Gondel aufriss. In diesem Moment kam die Puppe zum Einsatz. Sie übernahm Enzos Rolle und stürzte rund fünfundzwanzig Meter in die Tiefe. In ihrem Inneren versteckte Ballons mit rot eingefärbtem Wasser platzten beim Aufprall und hinterliessen im weissen Schnee eine schockierend realistische, blutrote Spur.
Der Mitarbeiter der Bahn hatte grossen Spass an dieser ungewöhnlichen Aktion. Er freute sich mit uns, dass der Stunt auf Anhieb geklappt hatte und kein zweiter Versuch nötig war. Wir verabschiedeten uns reisten zufrieden ab.
Nur wenige Tage vor der Durchführung von Tatort Jungfrau im Juni 2014 stürzte ebendieser Mitarbeiter beim Reinigen einer Gondel selbst in die Tiefe. Der Unfall endete tödlich. Während wir über Pfingsten in Wengen mit unseren Gästen auf Mördersuche gingen, reisten seine Angehörigen zur Beerdigung an. Es war eine zutiefst bedrückende Situation. Selbstverständlich passten wir den Fall damals so weit wie möglich an, aus Respekt gegenüber dem Verstorbenen und seiner Familie. Wir wollten vermeiden, alte Bilder aufzureissen oder unnötigen Schmerz zu verursachen.
Realität imitiert Kunst. Immer und immer wieder.
In der Nacht von Silvester auf Neujahr verloren in Crans-Montana vierzig Jugendliche und junge Erwachsene ihr Leben in einer Bar. Dutzende weitere Menschen liegen seither mit schweren und schwersten Verbrennungen in Spitälern in der Schweiz und in ganz Europa. Eine unfassbare Tragödie. Wir alle sind mit dieser Nachricht ins neue Jahr gestartet. Die Bilder, die Videos, die Berichte haben sich eingebrannt. Kaum jemand liess dieses Geschehen kalt.
Zu Tode gegrillt heisst unser Frühlings-DinnerKrimi, zu dem wir in einer Woche mit den Proben beginnen. Moment… Zu Tode gegrillt? Imitiert die Realität wieder einmal die Kunst?
In diesem Fall: nein. Oder nur sehr oberflächlich. Der DinnerKrimi spielt zwar im Rahmen eines Grillfestes, doch ist Feuer weder Tatwaffe noch überhaupt ein inhaltliches Thema der Handlung. Die Geschichte steht in keinerlei Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen von Crans-Montana. Und dennoch war für uns sofort klar: Der Titel allein genügt, um falsche Bilder hervorzurufen. Bilder, die wir niemandem zumuten wollen.
In den letzten Tagen stand deshalb eine Titeländerung zur Debatte. Uns war es ein grosses Anliegen, sensibel mit der aktuellen Situation umzugehen und jede Form von Missverständnissen oder unbeabsichtigten Assoziationen mit dem realen Geschehen zu vermeiden. Vor allem wollten wir verhindern, dass sich Betroffene oder Angehörige durch den ursprünglichen Titel verletzt fühlen könnten. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschieden, den Titel zu ändern. Der neue Name lautet Grillzangen Killer.
Seit 19 Jahren produzieren wir Krimis. Mord gehört bei uns sozusagen zum Alltag. Und so kommt es zwangsläufig immer wieder vor, dass sich Motive, Themen oder Ideen mit realen Ereignissen überschneiden. In den USA tötete im letzten Sommer ein Mann seine Mutter, nachdem ihm eine KI-Anwendung entsprechende Vorschläge gemacht hatte. Das erinnert unweigerlich an unseren DinnerKrimi Tik tok tot aus dem Jahr 2024.
Oder: Schauspieler Alec Baldwin erschiesst bei Dreharbeiten versehentlich eine Kamerafrau, weil eine Requisitenwaffe fälschlicherweise geladen war. Auch solche tragischen Irrtümer waren in unseren Stücken bereits mehrfach Teil der Handlung.
Es ist in Ordnung, wenn die Realität sich bei uns Autorinnen und Autoren bedient. Wir tun es schliesslich auch bei ihr. Entscheidend ist der Umgang damit. Sensibilität, Verantwortung und Respekt sind keine Gegensätze zu Humor, Spannung und Unterhaltung. Im Gegenteil.
Gerade in schwierigen Zeiten nehmen wir unsere Aufgabe als Unterhalter besonders ernst. Wir wollen unsere Gäste für ein paar Stunden aus dem Alltag entführen, ihnen Leichtigkeit schenken, gemeinsames Lachen ermöglichen und Raum für Begegnung schaffen. Nicht als Verdrängung, sondern als Gegenpol.
Und so werden wir ab dem 13. Februar unseren DinnerKrimi aufführen. Nicht mehr unter dem Titel Zu Tode gegrillt, sondern als Grillzangen Killer. Und wir tun dies in stillem Gedenken an die vierzig jungen Menschen, die am 1. Januar 2026 in Crans-Montana ihr Leben verloren haben.