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  • Simone appel italo akzent 01

Mamma mia, Mamma Maria!

Simone Appel erzählt...
DK
Von der Deutschen, die für eine Rolle Italienisch lernen sollte.

27.10.2026

von Simone Appel

Ich bin gebürtige Frankfurterin. Aber als Schauspielerin kann ich natürlich alles spielen: Prinzessin, Mörderin, italienische Nonna. Alles kein Problem! Dachte ich zumindest. Denn für den neuen DinnerKrimi Pizza, Pasta, Mord musste ich mir einen waschechten italienischen Akzent aneignen. Mamma mia! Wie wird aus meinem hessischen Gebabbel ein temperamentvoller Italo-Singsang? Eine abenteuerliche Reise voller sprachlicher Stolpersteine, verzweifelter Zungenakrobatik und überraschender Glücksmomente begann…

Es war ein eiskalter, ungemütlicher Februar-Nachmittag. Ich bog gerade auf einen vermatschten Baustellenparkplatz in Tiengen ein, als mein Handy vibrierte. «Sicher wieder Werbung, die Telekom oder meine Mudder», dachte ich und griff gänzlich unbeeindruckt zum Telefon. Ich irrte mich: Eine Mail von Peter Denlo.

Allein der Titel der Nachricht liess mich vor Freude quietschen: «Engagement-Zusage Saison 2026/27» – Yes! Yes! Yes! Hastig öffnete ich die Mail:

«Liebe Simone, … Bla, bla, bla … In der kommenden Saison … Bla, bla, bla … zwei Stücke … Bla, bla, bla … «Pizza, Pasta, Mord!» und «Der Käse Killer» … Bla, bla, bla …» – Jetzt sag schon: Was darf ich spielen? – «… gerne hätten wir dich für beide Produktionen!» Wait what!?

Überglücklich rief ich als Erstes meine Mutter an. Eine Frau, die es schafft (neben der Fähigkeit, in ihre symbolische Glaskugel zu schauen, um die Zukunft vorherzusagen), innerhalb weniger Sekunden das Klima einer Konversation zu ändern.

«Wie toll! Also bist du jetzt erst mal safe für über ein Jahr, Gratulation! Wie heissen die Stücke?»

«Der Käse Killer» und … «Pizza, Pasta, Mord», erwiderte ich.

«Ah ja, super! Bedeutet das, dass du mit italienischem Akzent spielen musst?»

Wua wua wuaaaaaaauw. Sie hatte es wieder geschafft: Von 40 Grad auf minus 20 in vier Sekunden. Darüber hatte ich mir tatsächlich noch gar keine Gedanken gemacht. Ich habe noch nie einen italienischen Akzent gemimt. Französisch, ja. Englisch, ja. Norddeutsch oder Kölsch, auch okay … Aber italienisch? Nichts lag mir ferner. Ich habe mit Italien ungefähr so viel gemein wie Donald Trump mit dem Christopher Street Day. Abwarten. Vielleicht sprechen ja nicht alle Charaktere mit Italo-Slang …

Arrivederci, Hoffnung!

Juli: «Hallo ihr Lieben, anbei der erste Entwurf des Probenplans. Werft doch gerne mal einen Blick drauf und gebt mir zeitnah Rückmeldung. PS: Ihr dürft Euch alle bereits jetzt schon auf eure italienischen Rollen freuen!» Mail-Ende. Na bravo.

Mit dieser Nachricht von Peter schwand meine Hoffnung, um den Akzent einen Bogen machen zu können. Vielleicht taste ich mich erst mal dezent an die Materie heran. Mit einer romantischen Netflix-Komödie, die schon länger auf meiner Watchlist stand: Nonnas. Ein schöner Film – etwas fürs Herz – mit einer ordentlichen Portion italienischen Essens, vielen Italo-Kraftausdrücken, Rumgefuchtel und einer etwas in die Jahre gekommenen Susan Sarandon mit viel zu grossen Brüsten … Aber Italo-Akzent: Fehlanzeige!

Dann fragen wir doch einfach mal ChatGPT. In der Regel bin ich kein sonderlich grosser Fan davon, in künstlerischen Belangen die künstliche Intelligenz um Rat zu fragen. Allerdings leistete mir diesen Sommer ein Voice-over-Programm enorme Hilfe bei der Konzeption meines Soloprogramms im Märchen-Dinner-Format. Also warum nicht …

«Hey Chat, was sind typische akustische Stilmittel einer deutschen Stimme mit italienischem Akzent?»

«Rollendes R … Ü wird zu U … Ö zu O … CH wird zu SCH – z. B.: Ich – Isch …»

Moment! Ich hielt inne. Besonders der letzte Punkt klang für mich eher nach einem französischen Akzent als nach einem italienischen. Ich versuchte mein Glück erneut:

«Hey Chat, könntest du mir vielleicht ein konkretes Satzbeispiel nennen?»

«Aber gerne doch: Isch haise Marrco und isch komme aus Rrrrom.»

Wow! Danke Chat!, rollte ich mit den Augen.

Je mehr ich fragte, umso mehr verstrickte sich die KI. Ich hatte regelrecht das Gefühl, sie mischte unterschiedliche Dialekte. Und mit «Isch haise Marrco und isch komme aus Rrrrom» werde ich wohl keinen Vier-Stunden-DinnerKrimi-Abend füllen können. Enttäuscht legte ich fürs Erste das Handy zur Seite.

Von Comedians und Karamell-Pampe

Ich nahm gerade einen tiefen Schluck meines allmorgendlichen Kaffees (der mehr einem «Karamellgebäck-Vanille-Zuckerbomben-Dessert» zum Löffeln glich), als mich auf Instagram Laura Ramoso, eine deutsch-italienische Comedian, die in Kanada lebt, in ihrer Rolle als schlecht gelaunte italienische Check-in-Mitarbeiterin ansprang:

«I’m soory, bu-T your fligh-T iis cancell-T! … No No No Don’T Scream-E a-T Miii!»

Vor Lachen verschluckte ich mich fast an der Karamell-Pampe. Herrlich! Mhhhhhh … Es gibt doch sicherlich auch deutsche Comedians, die mit Italo-Dialekt sprechen …

«Hey Chat …» – Ach komm, ich google lieber.

Joe di Nardo – ach ja. Das ist der, der immer mit kulinarischen Begrifflichkeiten um sich schmeisst. Nicht schlecht … Wen haben wir noch? Mhhh, da wurde es auch schon mau. Versuchen wir es mal mit «Personen des öffentlichen Lebens». Giovanni Zarrella – in den war ich als Teenie total verschossen, als er noch bei Bro’Sis, der Popstars-Band, war. Mittlerweile stösst er den Silbereisen vom samstagabendlichen Primetime-Entertainment-Thron: «Ciao ragazzi!» Mehr Italienisch kommt da aber auch nicht mehr … Pietro Lombardi – gut, der singt entweder auf Deutsch oder deutsche Schlager im neuen italienischen Gewand. Auch nicht zu gebrauchen.

Ich widmete mich wieder meinem Kaffee.

Italienisch lernen? Ab nach Italien!

August: «Hallo Leute, anbei die Einladung zum diesjährigen Fanclub-Apéro. Vergesst nicht, euch anzumelden. Ich gehe davon aus, ihr übt schon eifrig an eurem Italienisch: Ciao ragazzi!»

Da war er wieder: Der Denlo! Vor allem aber der Reminder. Dabei pauke ich doch gerade eifrig Text für den Grillzangen Killer – der muss schliesslich auch irgendwie in den Kopp. So wie die Simulationspatientinnen-Skripte für die Uni, die zwölf Choreos für eine «Tina Turner Tribute Show», die ich vom Video lernen darf, und die Derniere vom Rapunzel-Dinner darf auch noch über die Bühne gebracht werden …

«Hach, ich bin schon wieder urlaubsreif!», klappte ich leicht desillusioniert den Laptop zu.

Moment: Das ist es! Urlaub! Und wenn es nur zwei bis drei Tage vor dem «Pizza, Pasta, Mord»-Probenbeginn sind. Am besten lernt man doch eine Sprache vor Ort. Zügig durchforstete ich den Kalender. Dienstag bis Donnerstag. Perfekt!

«Markuuuuus, ich fahre an den Lago Maggiore. Kommst du mit?»

«Was tust du?», tönte es aus dem Arbeitszimmer. Mehr vernahm ich von meiner besseren Hälfte nicht mehr, denn ich packte schon den Koffer.

Keine Woche später passierten wir die kleine, pittoreske Hofeinfahrt eines riesengrossen, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Herrenhauses in Varese. Airbnb hatte es verdammt gut mit uns gemeint. Auch wenn wir unsere Wohnung nur in dem kleinen Verwalterhäuschen direkt an der Strasse hatten, strotzte jeder Klinkerstein vor italienischer Geschichte.

Ich muss zugeben, dass die Enttäuschung über drei Tage Regenwetter anfangs recht tief sass. Für den nötigen Mafia-Flair war es allerdings perfekt. Wir besuchten alte botanische Gärten, Wochenmärkte und schipperten mit dem Bötchen auf die Isola dei Pescatori. Stets begleitet vom italienischen Autoradio, welches im Hintergrund dudelte, oder dem italienischen Singsang, den ich aus Gesprächsfetzen auf der Strasse auffasste.

Fühlten wir uns unbeobachtet, versuchten wir peu à peu (oder wohl eher: poco a poco), den Singsang und Klang in unsere eigenen Gespräche zu übertragen. Etwas, das erstaunlich gut funktionierte und was ich meinem Männeken gar nicht zugetraut hätte.

Das Highlight war allerdings der Sacro Monte di Varese, ein weltbekanntes Pilgerziel mit vierzehn Kapellen entlang eines gepflasterten Andachtsweges.

«Und da wollen wir jetzt hoch?», runzelte Markus ein wenig die Stirn ob der Höhenmeter und der immer dunkler werdenden Wolkenfront über unseren Köpfen.

«Ja! Wir haben zwei gesunde Füsse und Regenschirme, sowie alle paar hundert Meter eine Kapelle, in der wir Unterschlupf finden könnten. Forza piccolo Oschi!»

Oben angekommen erwartete uns ein fast schon mittelalterliches Klosterdorf der Extraklasse: Ein prunkvolles Kirchenschiff, Gruften, unterirdische Verbindungsgänge im Dämmerlicht, massive Holztüren, rostige Stahlgitter – und alles umringt von mystisch aufziehenden Nebelschwaden. Ein kräftiger Donnerschlag unterbrach die Nostalgie. Gefolgt von einem heftigen Gewitterschauer.

Wir flüchteten in ein altes Hotel, welches uns unsere Vermieterin empfohlen hatte. Ein hagerer Capo Ricevimento, der aussah, als wäre er einem Tim-Burton-Film entsprungen, führte uns in eine Art Kaminzimmer. Gepolsterte Ledersitze, ein Klavier, dutzende alte Sepia-Porträts von grimmig dreinblickenden Gestalten und eine gespenstische Aussicht auf dunkle Tannen und Nebel.

«Also mehr Mafia kann ich dir nicht bieten!», schmunzelte Markus.

Er bestellte zwei heisse Schokoladen mit «Elixir Al Borducan», einem norditalienischen Orangenlikör. Was soll ich sagen: Der Abstieg war deutlich leichtfüssiger. Und die Italo-Dialekt-Zunge auch.

Um den Abend krönend abzuschliessen, gab es für Markus Pizza, für mich Pasta und für uns beide Mord – in Form einer britischen Clan-Serie aus der Feder von Guy Ritchie, die direkt am anderen Seeufer gedreht worden war.

Jetzt wird's ernst: Probenbeginn!

Überflutet mit Eindrücken unseres kleinen Spontantrips, Input von ChatGPT, Serien, Filmen und Web-Comedians und inspiriert durch das Italo-Akzent-Rumgealber mit meinem Partner auf viel zu langen Autofahrten startete ich zumindest nicht gänzlich «jungfräulich» in die Leseprobe am 14. September 2026 – unserem Probenauftakt.

Dieses erste Lesen von Pizza, Pasta, Mord war Gold wert. Ich konnte mir von den KollegInnen, die den Akzent beherrschen, jede Menge abschauen und sogar so etwas wie ein «phonetisches Regelwerk» notieren.

Der Rest wird sich im Probenprozess ergeben, dachte ich mir. Ich sollte nicht unrecht behalten. Denn es gab einen Faktor, den ich auf dem «Weg zum authentischen Italo-Akzent» nicht mit einkalkuliert hatte: Unseren neuen Regieassistenten Fabio! Der Name verrät es schon: Dem Mann ist die italienische Sprache nicht ganz fremd.

«Es heisst Cari Amici – nicht Cara Amici!»

CHECK!

«Simone, es heisst Perfetto! Nicht Perfecto!»

CHECK!

«Simone, eins noch: Es heisst TranQUillo! Nicht Trankillo!»

CHECK!

Der Mann ist ein Uhrwerk. Warum hatte ich mir überhaupt im Vorfeld so einen Kopf gemacht? Auf Fabio war Verlass!

Wobei er mir allerdings bei einem nicht helfen konnte: meiner Zungenarbeit.

Die Sache mit dem Rrrrrrr

«Roll mal das R vorne. Mit der Zunge», forderte mich Peter auf. «Das erzeugt einen typisch italienischen Klang: PaleRRRRRmo, TRRRRRappani, PoRRRRRRRtofino! Los, versuch's!»

«Peter, das kann ich nicht. Ich hab die kürzeste Zunge der Welt. Ich kann mit ihr kaum über meine Schneidezähne fahren. Hätte Dr. Ripper mir damals als Säugling nicht das Zungenbändchen durchgeschnitten... Du weisst, was ich meine.»

«Versuch's!»

Gesagt, getan. Ich versuchte es. Wieder und wieder. Schliesslich griff Peter ein: «Fabio: Wir ändern Palermo zu Catania!» Bravissimo!

Und dann kam er: Der Tag, der alles verändern sollte. Wie in jedem Denlo-DinnerKrimi darf natürlich auch das ein oder andere Liedchen nicht fehlen. Wir widmeten uns dem ersten Song, der gleichzeitig auch meinen Rollennamen beinhaltet: Maria. Peter verteilte die Liedtexte und sogleich versuchten wir unser Glück auf das bereits geschnittene Playback. So gehen wir immer vor. Stück für Stück hangelten wir uns durch den Song, bis ich es im letzten Refrain bemerkte:

«Leute, ich rolle das R vorne mit der Zunge!»

Fragende Blicke.

«Na, bei MaRia … Ich rolle das R vorne!»

Gänzlich unbeeindruckt setzten wir die Probe fort. Für mich allerdings war es ein Meilenstein. Das muss ich mir merken. Genau dieses Gefühl. Nun musste ich es nur auf alle anderen Wörter mit R übertragen. Nur … Es gelang mir mal besser, mal schlechter. Lag das R zwischen zwei Vokalen, war es einfacher, als wenn es zwischen Konsonanten eingebettet war.

Zum Glück besteht die italienische Sprache ja aber nicht nur aus Rs. Und das Schöne war: Je mehr ich in einen Spielfluss geriet, umso weniger machte ich mir Gedanken über den «perfekten Italo-Akzent». So habe ich mir im Laufe der Proben einen Slang angeeignet, mit dem ich mich sicher fühlte und der es mir auch ermöglicht, spontan mit dem Publikum zu improvisieren. Und diese selbst geschaffene Sicherheit, die ist doch das Fundament.

Nonna Maria ist geboren

Schauspiel ist Behauptung. Und ich behaupte, eine italienische Nonna zu sein. Vielleicht spricht man in der Gegend, in der sie lebt, eben genau so. Oder man hat dort so gesprochen, wo sie geboren wurde und aufgewachsen ist. Und vielleicht wurde sie mit einer zu kurzen Zunge geboren.

Natürlich ist mein Akzent nicht über Nacht entstanden. Er ist das Ergebnis von Ausprobieren, Zuhören, Nachahmen, Verzweifeln, wieder Ausprobieren – und dem einen oder anderen kleinen Triumph, den ausser mir offenbar niemand bemerkt hat.

Aber irgendwann steht man auf der Bühne, die Proben sind vorbei, das Publikum sitzt vor einem und aus all den einzelnen Versuchen ist eine Figur geworden: Eine Nonna, die redet, schimpft, singt und gestikuliert, ohne bei jedem zweiten Wort darüber nachzudenken, wo sie ihre Zunge hinlegen muss.

Und sollte doch mal ein Italiener im Publikum sitzen, der sich über meine Aussprache pikiert, dann trinke ich mit ihm einfach einen norditalienischen Orangenlikör. Denn dann wird alles gut.

Salute!

«Pizza, Pasta, Mord»

DinnerKrimi

Oktober 2026 bis März 2027

Zwei Mafiafamilien, eine Beerdigung und dann ein lauter Schuss. Plötzlich steckst du mitten in der Vendetta, zwischen Pasta, Pistolen und dunklen Geheimnissen. Kannst du diesen verstrickten Fall voller italianità lösen?